Herbstimpressionen, statt – depressionen

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Herbstimpressionen, statt -depressionen

Herbstliche Landschaften:  

Vor einiger Zeit, als ich mit meinem Auto auf dem Nachhauseweg war, kam ich mir nicht, wie der tägliche Autofahrer, der seinen Pflichten im Straßenverkehr nachkommt, vor, sondern wie ein Herbstfarben berauschter Junkie. Dieses Jahr scheint der Herbst die Krone der Jahreszeiten zu sein, dachte ich und versuchte mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Ich konnte mich kaum des Gedankens erwehren, dass die Landschaft surreal wirkte.  

Herbstfarben Raster Kreise

Farben, wohin das Auge reichte

Da ernteten Bauern noch Kohlköpfe, die wie blaue Bänder eine goldgelbe, graublau verhangene Landschaft durchwoben. Dort flammte rot ein Busch, als stehe er in Feuer. Hier klirrten gelbe Blätter an den Bögen knochenartiger Birkenstämme. Daneben verwelkten Trockenwiesen in Rost unter einer Schicht knallgelber Senfblüten. Und ich machte mir Gedanken, über herbstliche Gerichte mit moosigen Pilzen, orangen Kürbisfleisch und erdigen Aromen. Auch machte ich mir – ich war mittlerweile daheim angekommen und schaute den kleinen japanischen Ahorn an, den ich dieses Jahr mit Mr B. gepflanzt hatte : seine grünen Hände, die in Japan mit Froschfingern verglichen werden, hatten eine Verwandlung von smaragdgrün in Urushilackrot vollzogen – Gedanken über die Rolle von Jahreszeiten in unserer Ernährung.

Jahreszeiten beeinflussen unsere Küche 

Immer wieder wird von der Wichtigkeit der Saisonalität und Regionalität in der Kochkunst gesprochen, doch werden wir heute mehr denn je von der überwältigenden Auswahl voll gestopfter Supermarktregale verführt. Seid dem letzten Artikel wird man mich vielleicht als Anhänger irgendeiner Ökobewegung sehen, oder als verträumter Romantiker, jedoch bin ich hin und her gerissen zwischen den Möglichkeiten, die die Wissenschaften und der Fortschritt uns bieten und dem Rückbesinnen auf altes verlorenes Wissen. Wenn ich mir überlege, was meine Großeltern noch wussten und, was die Generation nach mir schon nicht mehr weiß, dann überkommt mich ein leichtes Erschaudern. Trotzdem will ich  nicht damit sagen, dass früher alles besser war. Heute geht es uns doch so gut, dass wir kaum davon sprechen können. Aber mit den Jahreszeiten und dem Vergehen und Auferstehen des Draußen zu leben, scheint nur noch rudimentär in uns zu leben.

Herbstliche Aromen

Meine Assoziationen zur Küche des Herbstes sehen natürlich auch die Farben, die der Herbst hat, vor : Ein Mischmasch aus Braun und warmen Farbtönen. Obwohl es draußen kälter wird, zieht die Natur noch einmal ihr wärmstes Kleid an. Mit Herbst verbinde ich erdige Geschmacksrichtungen, schon gar nicht die Sommerfrische von roten Tomaten. Jetzt darf auch mal eine Ladung Speck zu den Bohnen gegeben werden, denn jetzt scheint die Zeit für rustikale Hausmannskost zu sein. Mit warmen Gewürzen, wie Pfeffer, Zimt, Pigment und Kreuzkümmel darf auch nicht gegeizt werden. Habe ich noch im Sommer gerne kühlende Kräutersoßen mit Minze genossen, mag ich jetzt lieber scharfe Gerichte essen. Zeitschriften machen uns weiß, dass wir uns jetzt auf die Suche nach essbaren Pilzen und Beeren im Wald begeben würden, aber dann erkennen wir, dass wir keine Ahnung vom Pilzsammeln haben (oder nur so viel, dass wir wissen, dass man es nicht auf Teufel komm raus versuchen sollte), dass es vielleicht Fuchsbandwurm im Wald gibt  und, dass wir eigentlich so recht niemand kennen, der uns das beibringen könnte einen Gallenröhrling vom Steinpilz zu unterscheiden. Jedoch reicht schon eine Vorstellung, wir könnten uns auf eine Suche wie sie schon in der Steinzeit vollzogen wurde, um Nahrung zu beschaffen, aus, dass uns ein warmes, wohliges Gefühl umnebelt. Das Jahr ist zu kurz, um Herbstdepressionen zu haben.

Nachtrag:  Ursprünglicher Artikel entstand im November 2011